Steinbergen: Hauserwerb "für 'nen Appel und 'nen Ei"

Eines herbstgrauen Spätnachmittags Ende November 1941 stand das Kind auf dem Holzstapel
an der Mauer zum Nachbarhaus, um von da aus erhöht die fremde Welt mit Eingangsbereich
und großem Kirschbaum des Nachbarhauses, eines Fremdenverkehrsbetriebes, zu beobachten:
Da kam der Dorfbriefträger Olthoff und teilte der ganz  in der Nähe sich mit irgendwelchen
Verrichtungen umtuenden Großmutter mit:
                                       "Sie haben Löwensteins abgeholt!"
mit gedämpfter Stimme, aber klar verständlich für das Kind auf dem Holzstapel!

Jahre später nach der Kindheit wurde die Angelegenheit verstanden: Sie hatten die
Löwensteins, die jüdische Schlachterfamilie, gute, harmlose Deutsche, abgeholt.
Die kamen dann über Bielefeld mit einem Sammeltransport nach Lettland, wo sie von
Polizeikräften, die mit den hitlerschen Nationalsozialisten zusammenarbeiteten,
erschossen wurden.

Nach diesem November 1941 bekam ein Steinberger Dorfschlachter, ein blässlicher Partei-
genosse und SA-Mann (SA = Abkürzung für "Sturmabteilung", die politische Schläger-
truppe der NSDAP, der "Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei
"), das Wohnhaus
mit Schlachterei und Laden der Löwensteins
(< klicken) zugeschoben und übereignet,
sozusagen "für 'nen Appel und 'nen Ei".

Viele Jahre später, im Sommer 1999: Mit einer Berliner Studiengruppe der "Jugendweihe-"
Organisation aus der vormaligen DDR, die auch Westberliner und Interessierte aus West-
deutschland mitnahm in Wilna*, der Hauptstadt Litauens:
Wir machten dort verschiedene Stadtführungen. Eine dieser Stadtführungen wurde von einem
deutschsprechenden Historiker von der Universität in Wilna durchgeführt. Dieser führte uns
auch auf einen bewaldeten Hügel am Stadtrand, dem "Hügel der drei Kreuze", auf dem sich ein
nationalistisches Denkmal der Litauer
befindet. Dort rügten zwei linke Berliner Lehrerinnen
gegenüber dem litauischen Historiker die Tatsache, dass in der Innenstadt von Wilna in der
"Vokiečių gatve"
= "Deutsche Strasse", in der viele Juden gewohnt hatten, kein Erinnerungs-
schild angebracht war.
Und dass er nicht auch auf die in Wilna stattgefundene Judenverfolgung zu sprechen kam.
Da verteitigte sich der litauische Historiker mit den Worten: "Ach, ihr Deutschen, was ihr immer
mit den Juden habt! Zu uns sind im 2. Weltkrieg
die sowjetischen jüdischen Polit-Kommissare
gekommen und haben uns drangsaliert und ihren Kommunismus aufgezwungen.
"

Litauen war nach 1940 bis 1990 der Sowjetunion zugehörig! Die "Vokiečių gatve", also die "Deutsche
Strasse" in Wilna hieß so, weil im 14. Jahrhundert in ihr deutsche Kaufleute und Handwerker gelebt
hatten. Heute ist die Vokiečių gatvė eine der schönsten Straßen in der Altstadt von Wilna (Vilnius),
die immer von Menschen belebt ist und in der sich viele Straßen-Cafés und sogar das Rathaus befindet.
Die
Vokiečių Straße (Deutsche Str.) ist eine von den drei ältesten Strassen in Wilna!

*heute wird Wilna von den Litauern "Vilnius" genannt. Der deutsche Name war immer "Wilna", vom
  polnischen "Wilno" abgeleitet. Denn besonders im südlichen Teil Litauens lebten seit Jahrhunderten
  viele Polen. Litauen gehörte auch von 1920 bis 1939 zu Polen und war ein polnischer Regierungs-
  bezirk, also eine Wojwodschaft.
  Es lebten auch viele Deutsche dort, die von Hitler auf Grund des Hitler-Stalin-Pakts von 1939
  in der Aktion "Heim ins Reich" verstärkt nach Deutschland ausgebürgert wurden.